Rehabilitierendes Pferdetraining als Ergänzung zur tiermedizinischen Orthopädie

 

Was ist Lahmheit, was ist Bewegungsstörung?

 

Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass ein Pferd lahmt, also sich abnormal bewegt, um Schmerz zu vermeiden. Das bedeutet, dass es bei normalem Bewegungsablauf Schmerzen hätte. Ursachen können eine Verletzung, Überlastung oder Entzündung an einem oder mehreren Körperteilen sein.

Demnach müsste die Lahmheit verschwinden, wenn die Schmerzursache ausgeschaltet, die Verletzung ausgeheilt oder die Entzündung abgeklungen ist, etwa nach längerer Pause und/oder Behandlung.

In der Praxis sieht es nicht immer so aus.

Es kommen chronische Lahmheiten vor:

  • die trotz Trainingspausen und Behandlung bleiben oder immer wieder auftreten

  • die sich unter Schmerzmittelgabe oder diagnostischer Anästhesie nicht oder nur teilweise bessern

  • für die sich trotz sorgfältiger Diagnostik keine medizinische Erklärung finden lässt

  • bei denen man nicht sicher sein kann, ob vorhandene Entzündungsreaktionen Ursache oder Folge der Bewegungsstörung sind

  • die oft belastungsunabhängig sind oder sich mit Bewegung sogar bessern

 

Funktionelle Lahmheit

Als funktionelle Lahmheit bezeichnet man eine Bewegungsstörung, die mit einem gestörten Takt oder unterschiedlicher Schrittlänge einhergeht, die nicht primär schmerzbedingt ist. Schmerzen können natürlich gleichzeitig oder als Folge ungleichmäßiger Belastung vorhanden sein.

Was können also statt Schmerz die Gründe sein?

 

  • Schmerzgedächtnis, also die Erinnerung an früher dagewesene Schmerzen

  • die natürliche Schiefe des Pferdes, ggf durch Reiter und Reitweise noch verstärkt

  • Vorderlastigkeit und dadurch Taktverschiebung

  • unterschiedliche Bewegungsmuster rechts und links im Hals- Rumpfträger-Vorderbein- Bereich, durch Händigkeit des Pferdes und/oder Zügelführung des Reiters bedingt

  • erlernte, psychisch bedingte Bewegungshemmung

  • Fehler in der Hufbearbeitung

  • zu wenig Bewegungsreize im Wachstum, zu schnelles Wachstum

  • Faszienverklebungen durch Verspannungen oder nach Verletzung, Kastration oder OP

  • die moderne Pferdezucht: Hypermobilität und verschobene Körperproportionen machen es besonders Sportpferden sehr schwer, ohne adäquates Training ihr Gleichgewicht zu behalten (dazu kommen genetisch bedingte Fehlbildungen wie ECVM oder Muskelstörungen)

  • Muskelstoffwechselstörung, ernährungsbedingte Muskelschwäche oder -steifheit

 

Neurologisch bedingte Bewegungstörungen

Von den funktionellen und schmerzbedingten Lahmheiten abzugrenzen sind neurologisch bedingte Bewegungsstörungen, also das Wobbler-Syndrom bzw Ataxie oder auch Lähmungen. Auch diese Fälle können, je nach Schwere, von angepasstem Training profitieren und zwar durch muskuläre Stabilisierung der Halswirbelsäule, Verbesserung der Koordination und die Regenerationsanregung verletzter Nerven.

 

Zurück zu den funktionellen Lahmheiten:

 

Wie kann rehabilitierendes Training hier die Schulmedizin und auch alternative Heilverfahren ergänzen?

 

Wird keine Verletzung oder Entzündung gefunden, die in ihrer Schmerzhaftigkeit die Lahmheit in ihrem vollen Ausmaß erklären kann, lohnt sich der Versuch, das Pferd mittels sanfter, aufmunternder Einwirkung von Körpersprache in eine ausbalancierte, taktmäßige Bewegung mit adäquater Körperspannung zu bringen. Verschlechtert sich die Lahmheit dadurch, merkt man das rechtzeitig und hat nun deutlichere Hinweise auf die Ursache und kann diese angehen. In sehr vielen Fällen passiert aber genau das nicht, im Gegenteil, Pferde verändern ihr Bewegungsmuster innerhalb von Sekunden von steif, schwerfällig, taktunrein zu schwungvoll, federnd und taktrein.

Sie hält nicht dauerhaft an, sie fallen zurück ins alte Muster sobald die geraderichtende Stimulation durch den Menschen wegfällt. Aber durch Wiederholung nehmen die Pferde die ausbalanciertere Bewegungsversion mehr und mehr in ihren Alltag auf und überschreiben die ungünstige erlernte Gewohnheit. Die Besitzer sollen lernen, selbst auf das gesunde Bewegungsmuster hinzuarbeiten, vom Boden und ggf auch vom Sattel aus.

 

Geraderichtung – was ist das?

Ein ganz zentraler Punkt in sämtlichen traditionellen Reitlehren. Leider irreführend formuliert. Geraderichtung bedeutet nicht, dass das Pferd durch forsches Vorwärtsschicken `gestreckt´ werden muss. Es bedeutet, Ungleichgewichte auszugleichen. Den Körperschwerpunkt gleichmäßig über den vier Hufen zu verteilen. Alle vier Gliedmaßen zu Ab-und Adduktion zu befähigen. Alle Faszienzugketten gleichmäßig auf Spannung bringen, um sie für eine effiziente Fortbewegung zu nutzen. Körperwahrnehmung und Koordination in der Langsamkeit schulen, dann Kraft aufbauen, später Ausdauer. Geraderichtung bedeutet auch die unterschiedliche Wahrnehmung der Sinnesorgane auf den beiden Seiten soweit möglich auszugleichen, also das Pferd psychisch belastbarer, weniger instinktiv reaktiv zu machen. Ausgangspunkt ist eine genaue Beobachtung des Pferdes und individuelles, kleinschrittiges Herausfordern seiner Schwachpunkte. Nebenprodukt ist eine Pferd- Mensch-Beziehung, bei der das Pferd sich des menschlichen Wohlwollens bewusst ist.

 

Aus ethischer bzw. Tierschutz-Sicht

Auch mechanisch bedingte, schiefenbedingte oder als austherapiert geltende Lahmheiten, darf man nicht einfach so lassen. Manchmal erholen sich Pferde auf der Koppel, oft aber auch nicht. Unphysiologische Gangmuster verschleißen den Körper rapide und führen somit langfristig sicher zu Schmerzen. Ungesunde Bewegungsgewohnheiten sind bereits Folge eines menschlichen Eingriffs in die Natur des Pferdes und sei es nur durch Zucht und Haltung. Wir können nicht erwarten, dass sie sich auf der Koppel von selbst da wieder herausarbeiten. Wir als vernunftbegabte Wesen, Homo sapiens, dürfen die Verantwortung für ihr körperliches Wohlbefinden nicht einfach abgeben, wenn sie nicht mehr funktionieren und sie durch ein neues Pferd ersetzen. Auch wenn es Aufwand und Zeit bedeutet, ein funktionell lahmendes Pferd hat gute Chancen auf mehr Lebensfreude, sei es als wieder-reitbares Pferd oder als Rentner auf der Weide.

 

Mein Angebot als Ergänzung zur Tiermedizin

 

 

  • Bewegungsanalyse

  • Hufbeurteilung und Beratung zur Hufbearbeitung

  • manuelle Behandlung (ohne Gelenkmanipulationen, keine Chiropraktik, nur Massage, Akupressur, Lymphdrainage)

  • Bewegungstraining

  • Fütterungsberatung im Hinblick auf Muskelaufbau und Entzündungsneigung