Bewegung, also Gehen und Laufen, ist Erholung vom Stehen. Liegen ist Erholung vom Laufen und Stehen ist wiederum die Erholung vom Liegen oder Sitzen.
Soetwas wie vollständige Ruhe gibt es in einem Organismus nicht, solange er lebt. Teile des Körpers sind immer aktiv, während andere passiv sind. Z.B findet der REM-Schlaf beim Pferd in Seitenlage bei völliger Entspannung der Skelettmuskulatur statt, dabei ist das Gehirn hochaktiv. Der Non-REM-Schlaf hingegen findet oft im Stehen statt, wobei die Skelettmuskulatur nicht vollständig abschalten darf.
Bei Delfinen wechseln sich die Hirnhälften mit Schlafen ab, so dass immer eine Hirnhälfte wach ist, um ein Ertrinken zu verhindern und Gefahren wahrzunehmen.
Vielleicht ist diese Perspektive ganz hilfreich, um sich bewusst zu machen, dass Boxenruhe oder Trainingspause nicht gleichbedeutend ist mit Schonung des Bewegungsapparates. Natürlich ist Ruhe bei einem Knochenbruch, einer Sehneruptur oder akuten Gelenkentzündung das deutlich
kleinere Übel, weil sie ruckartige Belastungsspitzen verhindert. Eine stetige, höhere Belastung des passiven Stehapparats wird hierbei in Kauf genommen, für einen begrenzten Zeitraum.
Liegen können Pferde noch viel kürzer als wir Menschen, ohne Dekubitus oder ischämische Nervenschäden zu erleiden. Solange sie irgendwie können, halten sie ihre Liegezeiten kurz. Sie wechseln intrinsisch zwischen Liegen, Stehen Herumstreunen/ Grasen und Laufen, Rennen oder Spielen.
Bei chronischen Schmerzen und Atemwegserkrankungen oder depressiven Zuständen ist die Motivation zur spontanen Eigenbewegung oft stark reduziert. Dies kann auch schon durch die Haltungsform vorgegeben sein: wenig Platz, reizarme Umgebung, tiefer, rutschiger Boden oder das Futterangebot an einem Ort konzentriert. Die beiden Faktoren, also negatives Körpergefühl und bewegungswidrige Haltung, verstärken sich sicherlich gegenseitig.
So mächtig der Lebenswille und somit der naturgegebene Bewegungsdrang des Pferdes auch ist - wird die Spirale lange genug still laufen gelassen, gelangt das Tier irgendwann an den Point of no return: Das schädliche Dauerstehen im Wechsel mit Liegen wird nun der Bewegung bevorzugt. Weil sie stärker schmerzt oder die Kraft für den Wechsel vom Steh- in den Laufmodus fehlt. Einmal in Bewegung gebracht, sind diese Pferde oft hochmotiviert und müssen gebremst werden, damit sie sich nicht übernehmen. Sie fühlen die Erleichterung, dass nun mal für ein paar Minuten andere Strukturen das Tragen des Körpergewichtes übernehmen. Sie tun es nur nicht mehr spontan.
Vielleicht ist folgender Vergleich ganz anschaulich:
Wenn wir ein Pferd auf dem Paddock dauerhaft rastlos hin und her laufen sehen, tut uns das in der Seele weh, wir versuchen, es zu beruhigen, andere Pferd in Sichtweite zu bringen und sind erleichtert, wenn es endlich mal ein paar Minuten steht.
Wenn wir ein Pferd den ganzen Tag nur Stehen und Liegen sehen - sollten uns dann nicht die Sehnen seines Stehapparats und die mangelhaft stimulierten Eingeweide eben so in der Seele weh tun und uns veranlassen, das Pferd in eine Umgebung zu bringen, die Bewegung stimuliert oder als Sofortmaßnahme einfach selbst mit ihm spazieren zu gehen oder zu spielen?
Für die Tiermedizin könnte das bedeuten: Ja, natürlich muss alles daran gesetzt werden, die geschädigten Strukturen zur Ausheilung zu bringen um Schmerz, den größten Feind der Spontamotilität, zu beseitigen. Aber in chronischen Zuständen reicht das oft nicht oder ist schon zu spät. Der Schmerz wird überhaupt erst durch den Bewegungsmangel unterhalten. Der Patient muss zuerst (mehr oder weniger gegen seinen Willen) in Bewegung gebracht werden, sonst bleibt er im Teufelskreis stecken. Und zwar auf regelmäßiger Basis. Das kostet vor allem Zeit. Es ist klar, dass das nicht von Seiten der Tiermedizin geleistet werden kann, sondern hier die Besitzer motiviert werden oder eben spezialisierte Bewegungstrainer hierfür bezahlt werden müssen.
Ich könnte mir vorstellen, dass man sich durch Eingeständnis der Notwendigkeit von ausreichend Bewegungszeit, auf allen beteiligten Seiten viel Frust und viele Kosten ersparen könnte. Und vor allem Leid für das Tier. Bewegungszeit ist durch nichts ersetzbar.
Braucht ein Tier Assistenz dabei, gilt das ja nicht für immer und ewig, sondern nur bis zu dem Punkt, an dem seine Freiwilligkeit zur Bewegung wiederhergestellt ist. Vorausgesetzt Platz, Artgenossen und Anreize sind vorhanden .
Der Punkt, an dem die Eigenmotivation mal aufgehört hat, hat fast immer unbemerkt im Stillen stattgefunden. Insbesondere bei Rentnerpferden, die nicht mehr geritten werden. Erst wenn deutlichere Schmerzanzeichen sichtbar werden, reagieren Besitzer. Oft haben diese Pferde inzwischen stark verhärtete Muskeln und massive Haltungsschäden wie durchtrittige Fesseln. Und dann soll die Medizin etwas reparieren, dem über Monate und Jahre die Erholung verwehrt wurde. Das geht genauso wenig, wie es eine Pille gegen Schlafentzug gibt. Gegen Schlafmangel hilft nur Schlaf und gegen einen überlasteten Stehapparat hilft nur Bewegung.
